…heißt Christian Lohse (oder zumindest das von ihm geführte Restaurant), und er fischt die frischen Fische wahrscheinlich nicht selbst, aber serviert sie. Und zwar so frisch, dass ich mich frage, warum das in Berlin möglich ist, nicht jedoch in Hamburg. Aber das ist ein anderes Gewässer; zurück an die Spree.
Die Vorspeise ist gleich ein fulminanter Auftakt. Die Terrine von der Gänsestopfleber auf geräuchertem Havelaal mit Pfefferkaramell und Konfitüre von violetten Auberginen ist eine ungewöhnliche und sehr harmonische Kombination. Endlich einmal jemand, der es wagt, von der „Foie Gras mit süßem Gelee“-Komposition abzuweichen. Nicht, dass ich Letzteres in irgendeiner Form verschmähte, aber diese Kombination ist wirklich außerordentlich gut gelungen. Die Terrine ist an sich schon perfekt zubereitet, und der Havelaal, mit seiner feinen Räuchernote, bildet einen passenden Gegenpol. Die notwendige Süße kommt schließlich von der Auberginenkonfitüre.
Was jetzt folgt, ist grauenvoll, hat jedoch mit dem Restaurant nichts zu tun, denn es betrifft ein Paar, das sich an einem unweit entfernten Tisch platziert hat. Es sind dabei nicht deren hilflose Blicke in die Speisekarte oder die Tatsache, dass beide fast ununterbrochen ins jeweils eigene Mobiltelefon tippen; auch ist es nicht die Offensichtlichkeit, mit der diese Dame und der Herr sich hier fehl am Platz fühlen, das mich stört - nein, all das geht mich nichts an und ist nicht unmittelbar belästigend. Belästigend ist es aber sehr wohl, wenn das von dem Herrn verwendete Deodorant so penetrant stinkt, dass man seine Speisen und den Wein nicht mehr genießen kann.
Vielleicht stellt man sich jetzt etwas Falsches vor: ich rede hierbei nicht von einem Geruch, der von Schweiß oder von Unsauberkeit herrührt. Im Gegenteil: Der junge Mann, vielleicht Anfang dreißig, also in meinem Alter, kam bestimmt gerade frisch aus der Dusche, um sich dann mit seinem neuen Lieblingsdeo einzusprühen. Wer jedoch an solch einem Ort billigstes Deo benutzt, um „gut“ zu riechen, der hat definitiv hier nichts zu suchen. Wobei der Fokus hier nicht zwangsweise auf billig liegt: Ein ähnliches Erlebnis hatte ich im „Lameloise“ in Chagny (Burgund) mit einer Gruppe von Damen am Nebentisch - allesamt mit unverkennbar teuren, aber widerlich schweren, aufdringlich süßlichen Parfums.
Als die Deowolke anfliegt, möchte ich fast meine Hand schützend über das Weinglas legen, in dem sich gerade der von mir ausgewählte Chassagne-Montrachet „Les Champgains“ 2006 aus dem Hause Niellon (EB 90) zu entspannen versucht.
So, wie es zu Weinproben auch selbstverständlich ist (sein sollte), kein Parfum zu verwenden, so sollte man auch in einem Restaurant dieser Klasse, bei dem es nicht ausschließlich um die reine Nahrungsaufnahme geht, zu Mäßigkeit tendieren.
Nachdem ich dem sehr verständnisvollen Kellner, dem diese Duftnote des Herrn ebenfalls schon auffiel, den Sachverhalt schildere, sitze ich sodann wenige Minuten später einen neuen Tisch meiner Wahl – außerhalb der „Wolke“ und zufrieden.
Einen Zwischengang lasse ich mir bei einer A-la-carte-Bestellung nur selten entgehen und nutze somit die Gelegenheit, mir ein Gericht außerhalb der Karte zubereiten zu lassen; es gibt an diesem Tag frische Morcheln aus Frankreich, und ich kann mir ein beliebiges Gericht zusammenstellen lassen. Ich bin positiv überrascht von der möglichen Eigeninitiative, bitte jedoch um eine Empfehlung. Ich bereue diesen Versuch nicht im geringsten: Der Zwischengang wird ein Frikassee von Morchel und Stangenspargel, wobei Frikassee hier nichts anderes bedeutet als „grob zerteilt“. Der knackig gegarte, frische Spargel und die intensiv-aromatischen Morcheln ergänzen sich vorzüglich.
Der elegante Burgunder hält derweil, was ich mir von ihm verspreche. Die feine Mineralität und der leicht buttrige Unterton harmonieren bisher perfekt zu Morcheln und Spargel.
Das jetzt folgende Mittelstück vom geangelten Steinbutt kommt mit großen gerösteten Kräuterseitlingen auf Kalbsjus und Non-Pareilles-Kapern. Der Steinbutt ist perfekt (!) gebraten – nach einem solch feinen, krossen Goldbraun muss man lange suchen – die Konsitenz und der Geschmack lassen keine Wünsche offen. Wenig Schnörkel; der pure, frische Fisch, die unaufdringlichen Pilze dazu, die vom Kalbsfond unterstützt werden – ein Gericht, das glücklich macht. Mit 60 Euro pro Person auch keines der Schnäppchen auf der Karte; aber die herausragende Qualität rechtfertigt diesen Preis.
Am liebsten hätte ich hier jetzt einen Schnitt gemacht, denn: das vorangegangene Gericht ist schwer zu überbieten, und man soll bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist. Aber die Patisserie in einem Sternerestaurant auszulassen ist Sünde. Oder sollte zumindest Sünde sein. Das Dessert enttäuscht leider auf ganzer Linie.
Der Schokoladencannelono mit Gegrilltem und Sorbet von der Nashi-Birne mit lauwarmer Schokoladensauce klingt viel versprechend. Die Enttäuschung setzt ein, als ich versuche, das Cannelono – also das Schokoladenröllchen – zu durchbrechen. Als mir dies nach dem zweiten oder dritten kräftigen Schlag mit der Löffelkante gelingt, kommt ein klägliches Etwas von Schokoladenschaum zum Vorschein, das nicht einmal appetitlich aussieht. Der Nashi-Birne mangelt es an Aroma – da hilft auch kein Blattgold -, und somit lasse ich das Gericht leider stehen.
Das sollte bei einem Restaurant dieser Kategorie nicht passieren. Zum einen schon grundsätzlich nicht und zum anderen, weil es viel Objektivität erfordert, um über einen Dämpfer dieses Kalibers zum Schluss des Menüs hinwegsehen zu können.
Ich sehe darüber hinweg und freue mich in Summe über ein gelungenes Menü auf sehr hohem Niveau, über großartig frischen Fisch und ein nettes, kompetentes Team. Ahoi, Berlin!
(Michelin: ** / Gault Millau: 18 / Eigenbewertung: **)